Laudatio von T. Rick zur Vernissage von Divo Santino am 12.09.2014 in der Stadthausgalerie-Andernach

Lieber Divo, meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

ein neuer Stern am Himmel des Kunstmarktes ist aufgegangen. Schon in jungen Jahren an Malerei und Fotografie interessiert, können wir heute das Ergebnis der produktiven Schaffensphase der letzten Jahre von Divo Santino in dieser Ausstellung betrachten.

 

Und wie vielfältig ist dies: Wir können einen warhaft modernen künstler bewundern. Modern insbesondere in der Wahl der verwendeten Techniken. Waren in der Vergangenheit die Gattung der Kunst noch strikt voneinander getrennt, bedient sich Divo Santino sämtlicher künstlerischer Möglichkeiten. Diese reichen von der klassischen Malerei über die Zeichnung, das Arbeiten mit Pastellkreide, die Collage, die Fotografie bis hin zu digital manipulierten Arbeiten.

 

Und auch die Themen seiner künstlerischen Tätigkeit könnten vielfältiger nicht sein. Wir entdecken Menschen, die in all ihren Charakterzügen dargestellt sind, können uns an abstrakten Gemälden erfreuen, die in ihrer Farbenpracht bezaubern, erblicken Pastelle, die in Zartheit beeindrucken und sehen Fotografien, die das gesamte Spektrum vom Porträt über die Architekturfotografie bis hin zu digital bearbeiteten Prints abdecken.

Es sind immer wieder Biedermänner unserer Zeit, die es Divo als Motiv angetan haben. So beispielhaft in der Arbeit "Deutschländer".


Angeregt vom expressionistischen Gestus eines Ernst Ludwig Kirchner stellt diese Arbeit sowohl in thematischer wie in kompositorischer Hinsicht einen der Glanzpunkte der Ausstellung dar. Eine merkwürdige Gesellschaft blickt uns da entgegen. Ins Auge fällt der glatzköpfige, ohrberingte Herr im Vordergrund. Er ist im übrigen die einzige Person auf dem Bild, die gut gelaunt erscheint. Alle anderen Herrschaften sehen merkwürdig verbittert, verkniffen oder auch bekifft aus. Divo Santino stellt die "Deutschländer" nicht sehr sympatisch dar. Der Betrachter fragt sich:  Sind wir wirklich so und mit welchem der Abgebildeten identifiziere ich mich wohl am meisten?


Nicht zu verkennen auch die Assoziation an die Geschichte. Die Person oben rechts wirkt wie eine Mischung aus Adolf Hitler und einem verbissenen Finanzbeamten, der Steuersünder auf der Spur ist. Auch Alkohol hat seine Spuren hinterlassen, zu erkennen an der roten Nase. Unterstützt wird der Bildinhalt durch die Bildkomposition. Das Kaleidoskop der Farben ist so vielgestaltig wie der Farbkasten es hergibt. Der expressive Ausdruck resultiert in erster Linie aus der Verwendung der Komplementärfarben Blau-Orange und Rot-Grün. Komplementäre Farben sind dadurch gekennzeichnet, dass sie sich auf der Farbskala gegenüber liegen und sich in ihrer Farbwirkung gegenseitig verstärken. So wirkt Rot neben einem Grün noch intensiver. Deutlich zu erkennen ist dieser Effekt im Bild "Deutschländer". Das Werk strahlt geradezu, die Farben sind extrem intensiv. Damit wird der expressive Ausdruck der dargestellten Personen durch die intensive Farbgebung zusätzlich unterstützt.

Eine ganz neue Serie beschäftigt sich thematisch mit der Mauer als trennendem Element zwischen den Völkern. Beispielhaft wird dies am Mauerbild 1961-1989 deutlich, damit unschwer als "Berliner Mauerbild" zu erkennen. Formal nimmt das Bild Anleihen bei der abstrakten Malerei, um Zeugnis zu geben gegen die Errichtung dieser menschenverachtenden Bauwerke.

 

Besonders und nahezu einmalig in der Malerei ist dabei die Verwendung des Werkstoffes Beton im Bild. Damit erfolgt die malerische Aufbereitung des Themas mithilfe des originalen Werkstoffs. Dies macht das Bild zum Relief. Die haptische Wirkung des Werks ist verblüffend, selten war das Thema der Trennung von Mensch so künstlerisch leicht aufbereitet worden. Die Leichtigkeit und Schönheit des Bildes kontrastiert virtuos mit dem deprimierenden Bildinhalt.

Aber nicht nur die Malerei ist Werkbestandteil von Divo Santino. Die Fotografie ist mindestens gleichwertig vertreten. Die Fotografie als künstlerische Disziplin hat in den letzten Jahren einen enormen Aufschwung genommen. Vor einigenn Jahren noch gar nicht als künstlerische Gattung anerkannt, ist sie heute fester Bestandteil des kunsthistorischen Kanons und darf in keiner gut sortierten Sammlung fehlen.

 

Viele Betrachter sehen auch heute noch die Fotografie in ihrer Abbildfunktion vermeintlicher Realität. Sie glauben an den Warheitsgehalt des Abbilds. Dabei war die Fotografie schon seit ihren Anfangsjahren immer Zielobjekt von Manipulation und Propaganda. Es sollten durch die Wahl des Bildausschnitts und durch Veränderung des Bildinhalts Aussagen erzeugt werden, die im Sinne einer Meinungsbildung instrumentalisiert wurden. So wurden Personen auf Fotos entfernt oder hinzugefügt, gerade so, wie dies aus politischen Gründen genehm war. Unsere heutige Zeit wiederum ist durch einen absoluten Overkill gekennzeichnet. Das Fernsehen hat seinen Monopolfunktion gründlich eingebüßt. Internet und soziale Medien haben einen Überfluß an Fotos produziert. Merh denn je stellt sich heute die Frage, inwieweit das, was wir auf Fotografien sehen, eine wie auch immer geartete Realität aufgreift oder nicht doch durch den Menschen verändert wurde.

 

Mittlerweile ist der Begriff der digitalen Manipulation in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen und ist über digitale Paintshops für jedermann verfügbar.

Genau diesen Themenbereich zeitgenössischer Kunst greift Divo Santino in diversen Arbeiten kongenial auf.  Beim Trabi zeigt uns Divo sein gesamtes Können. Wir betrachten das Bild und wissen nicht: "Ist das ein Gemälde? Ist es gesprayt oder mit Öl gemalt? Nichts dergleichen. Divo Santino hat unsere Wahrnehmung getäuscht. Und dies nicht durch die Methode der digitalen Manipulation sondern nur durch die Wahl des Ausschnitts.

 

Der Künstler hat eine Mauer in Berlin fotografiert, die wiederum von diversen anderen Künstlern gestaltet wurde. Insoweit handelt es sich um ein Bild im Bild, ein immer wieder gern im künstlerischen Medium verwendeten Topos.  Divo Santino hat sich das Werk anderer Künstler angeeignet und hat es durch die Art und Weise, in der er es fotografiert hat, zu einem eigenständigen Kunstwerk gemacht. Dem Betrachter stellen sich, auch nachdem er  entdeckt hat, dass es sich um eine Fotografie handelt, viele Fragen. Wer hat den Trabi gemalt? Wo befindet sich das Werk? Gibt es die Arbeit heute noch oder ist sie vielleicht schon übermalt worden? Fest steht, dass Divo Santino durch seine Fotografie der Arbeit Ewigkeitscharakter verliehen hat. Dies ist allerdings die einzige Gewissheit. Alles andere ist ungewiß, der Betrachter kann sich seine Geschichte zum Bild ausdenken. Ein warhaft beeindruckendes Werk.

Aber natürlich beherrscht Divo Santino auch die moderne Methoden der Bildmanipulation. Exemplarisch zu erkennen am Werk "colored scrap".

 

Von weitem ist nicht genau zu erkennen, worum es sich eigenetlich handelt. Es strahlt dem Betrachter ein all-over an Farben entgegen. Der Künstler hat hierbei Weißblech bearbeitet, es auf einer schwarzen Platte drapiert und dann bis 100 Fotos davon geschossen. Danach wurden Fragmente der einzelnen Fotos digital neue zusammengestellt und farblich bearbeitet. Herausgekommen ist ein Werk von bezaubernder Schönehiet. Insoweit hat Divo Santino hier eine Arbeit geschaffen, die charakteristisch für heutige Kunstschaffen ist: Die Grenzen der Gattung verschwimmen. Malerei Fotografie sind eins. Gemalt wird hier nicht mehr mit Öl, sondern mit dem Foto Editor. Der Betrachter muß nun selbst ergründen, was original fotogrtafiert ist und was nachbearbeitet wurde.

 

Aber auch die anderen Bilder der Ausstellung sind überwältigend: Der Kreuzweg stellt eine moderne Interpretation eines in jeder größeren Kirche zu findenden jahrhundertealten Themas dar.

 

Statt einer realistischen Wiedergabe wählt Divo Santino hier eine durch rote und weiße Schlieren gekennzeichnete abstrakte Darstellung. Das Werk Assoziationen von Blut, Gewalt und Tod, man kann sogar wie auf einem Leichentuch eine Hand erkennen, vielleicht die Hand Gottes?

 

Wer weiß das schon. Obwohl kein realistischer Inhalt zu sehen ist, erzeugt Kreuzweg eine außergewöhnliche intensive Bildwirkung, die changiert zwischen dem Schrecklichen des Bildinhalts und dem Schönen der Bildkomposition.

 

Ein gänzlich solitäre Stellung im Werk von Divo nimmt der "Fuck Frosch" ein. Er weckt Erinnerungen an Kermit aus der Muppetshow, ist aber in seinem Mienenspiel deutlich frecher.

 

Es gibt uns Betrachter anhand seiner Gestik deutlich zu erkennen, dass es ihm ziemlich egal ist, was wir von ihm denken.

 

Die goldenen Finger zeugen von seinem Reichtum und nehmen im wörtlichen Sinne Bezug auf James Bond Goldfinger. Auch in diesem Werk wird wieder die intensive Bildwirkung durch die Verwendung der beiden Komplementärfarben grün und rot bewirkt.

Was bleibt nun?

 

Divo Santino ist ein wahrer Könner: er malt, er fotografiert, er malt als Fotograf am Computer und greift zeitgenössische Strömungen in seinen Werken auf. Und die Kunstszene ist auch bereits auf ihn aufmerksam geworden. Die nächste Ausstellungen sind schon in Planung, unter anderem auch in Amsterdam.

 

Insoweit dürfen wir mit Spannung die weitere Entwicklung von Divo Santino verfolgen. Und sollte später einmal der Kulturteil der Welt oder der FAZ über Divo Santino berichtet werden oder gar eine Arbeit bei Christies oder Sothebys versteigert werden, dann können Sie alle sagen: Wir waren dabei, als alles begann. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel freude beim Betrachten der Bilder, anregende Gespräche und einen wunderbaren Abend!

 

Vielen Dank!